Die Atem-Welle

Vom befreienden Zustand des „Sowohl/Als auch“

Entweder, die Dinge laufen, wie ich sie mir vorstelle, oder ich gerate schnell in einen Zustand der inneren Anspannung.

Kommt dir dieser Satz bekannt vor?

Mein eigenes Leben war lange Zeit geprägt von „Entweder-Oder“ Denken. Und zwar in jedem Bereich, beruflich wie privat.
Das hat mich sehr schnell ungeduldig werden lassen.
Oft war ich auch in einem Zustand der Empörung.
„Das lasse ich mir nicht gefallen“ oder „So kann man mich nicht behandeln“ – diese und ähnliche Sätze waren Teil meines gedanklichen Repertoires.

Je mehr ich mich dann mit meinem Atem beschäftigt habe, desto klarer konnte ich erkennen, wie einseitig und wenig hilfreich die Sichtweise des „Entweder-Oder“ ist.
Und etwas anderes ist mir klar geworden. Dass diese Sichtweise in unserem Verstand produziert wird. Und zwar ausschließlich dort.

Denn unser Körper kennt kein „Entweder-Oder“.
Wir können beispielsweise essen und gleichzeitig in den Himmel schauen. Oder uns dabei unterhalten. Wir können jede erdenkliche Art von Bewegung ausführen und werden dabei atmen. Unsere inneren Organe machen ihre Arbeit, egal, ob uns das bewusst ist oder nicht. Während du diesen Text liest, laufen in deinem Körper unendlich viele chemische Prozesse ab. Ein inneres Universum der Gleichzeitigkeit, des „Sowohl-Als auch“.

Auch unser Atem liebt die Freiheit des „Sowohl- Als auch“ Zustandes.
Er fließt ein, er fließt aus.
Wir würden nicht auf die Idee kommen, unserem Atem zu sagen: „Du musst dich entscheiden: Entweder ein oder aus!“

Indirekt geschieht es allerdings doch, dass der Atem ein wenig einseitig wird. Denn er folgt unserem Verstand. Und wenn dein Verstand gerne in der Welt des „Entweder-Oder“ verweilt, wird dein Atem sich anpassen. Das ist der Grund, warum viele Menschen mehr ein- als ausatmen.
Sie ziehen sich im wahrsten Sinn des Wortes „zu viel rein“ und ihr Atem folgt ihnen dabei.

Probier einmal diese einfache Atemübung aus:

Schließ deine Augen, lenk die Aufmerksamkeit auf deinen Atem und stell dir vor, dass er wie eine Welle ans Ufer fließt und sich dann wieder zurückzieht.
Lass deinen Atem zu einer Welle werden, die keinen Anfang und kein Ende kennt.
Du kannst dir vorstellen, du sitzt am Meer und schaust aufs Wasser. Eine Welle rollt sanft an den Strand, kleine Schaumkronen bilden sich, bevor sie wieder zurückrollt.
Lass den Atem mitfließen. Er strömt ein, ganz gemächlich, und er strömt tief und lange aus. Beides ist gut und richtig. Das eine bedingt das andere.
Lass deinen Atem zu einer Welle werden, auf der du surfst.

Diese wunderbar einfache Visualisierungsübung kannst du immer dann verwenden, wenn etwas nicht nach deiner Vorstellung verläuft. Sie wird dich sofort in einen entspannteren Zustand versetzen. Ein Zustand des „Sowohl-Aus auch“. In diesem Zustand kannst du aus der einseitigen Sichtweise aussteigen und entdeckst mit Sicherheit ganz neue Möglichkeiten.
Lass dich überraschen 🙂